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DER ÖFFENTLICHKEIT — VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST ist eine Serie von Auftragsarbeiten, die speziell für die Mittelhalle im Haus der Kunst entwickelt werden, mit Unterstützung von und in Zusammenarbeit mit den FREUNDEN HAUS DER KUNST. Die erste Auftragsarbeit wurde von der koreanischen Künstlerin Haegue Yang entwickelt und dem Publikum am 07. November 2012 vorgestellt. Es folgte 2013/14 Manfred Pernice mit der Installation „Tutti IV“ sowie 2014/15 Anri Sala mit der Sound- und Videoinstallation „The Present Moment“. Die künstlerische Auftragsarbeit 2015/16 wird von der französischen Künstlerin Laure Prouvost konzipiert.

DER ÖFFENTLICHKEIT gründet auf der Überzeugung, dass Kunst und Künstler eine zentrale Rolle in globalen Debatten spielen. Sie wendet sich damit an internationale Künstler, die im Laufe ihrer Karriere künstlerische Exzellenz, konzeptuelle Strenge und experimentellen Geist bewiesen haben, und deren Ideen nachhaltigen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst und ihre Diskurse ausüben. Die Auftragsarbeiten werden eigens für die Mittelhalle des Haus der Kunst entwickelt, die bis 1945 „Ehrenhalle“ hieß. Der 800 qm große zentrale Raum fungiert wie eine frei zugängliche öffentliche Plaza und ist ein Verbindungspunkt, an dem heute die unterschiedlichen Programmangebote des Hauses zusammenlaufen. Hier treffen sich die Besucher, lesen, verweilen. Es ist der geeignete Ort, um über den öffentlichen Raum nachzudenken. 
Der Titel DER ÖFFENTLICHKEIT — VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST  umschließt philosophische, konzeptuelle und historische Leitgedanken, die der Präsentation der in Auftrag gegebenen Kunstwerke Struktur verleihen: Die Serie will Diskussionen anstoßen über die Normen und Ziele öffentlichen Engagements, was auch im Untertitel VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST zum Ausdruck kommt. Über die Idee des Engagements hinaus bietet die Serie eine Perspektive für öffentliches Handeln, bei der das Kunstwerk im Mittelpunkt steht und Partizipation, Diskussion, Debatte und Austausch sich gegenseitig befördern. Ein weiterer Schlüsselaspekt der jährlichen Auftragsarbeit ist, die Auffassung von Engagement auszuweiten auf die wesentlichen Bestandteile von Öffentlichkeit allgemein. In seinem Buch über den öffentlichen Raum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, nennt der Philosoph Jürgen Habermas Veranstaltungen öffentlich, „wenn sie, im Gegensatz zu geschlossenen Gesellschaften, allen zugänglich sind“. „Allen zugänglich“ ist dabei nicht mit dem wiederauflebenden Populismus in Politik und Kultur zu verwechseln. Vielmehr fordert „Der Öffentlichkeit“ zu erkenntnistheoretischem Zweifel auf. Statt die Normen des Öffentlich-Seins als vollendete Tatsache zu betrachten, wird jede der Auftragsarbeiten die Besucher dazu auffordern, neu zu erkunden und zu analysieren, was Handeln im öffentlichen Raum bedeutet und wie sich der Begriff des Öffentlichen mit dem Museumsraum verbindet.
DIE FREUNDE HAUS DER KUNST fördern das Haus der Kunst seit über 60 Jahren und unterstützen die Serie nicht nur ideell, sondern finanzieren diese zusätzlich zu ihrem festen jährlichen Beitrag.

Künstlerische Auftragsarbeit 2012/13: Haegue Yang
Künstlerische Auftragsarbeit 2013/14: Manfred Pernice
Künstlerische Auftragsarbeit 2014/15: Anri Sala
Künstlerische Auftragsarbeit 2015/16: Laure Prouvost  

Laure Prouvost

Laure Prouvost

Laure ProuvostFür die vierte Ausgabe der Serie DER ÖFFENTLICHKEIT – Von den Freunden Haus der Kunst konnte die französische Künstlerin Laure Prouvost (geb. *1978 Croix) gewonnen werden. Die Turner Prize Trägerin des Jahres 2013 lebt und arbeitet in London.

„We would be floating away from the dirty past“ 

Für die Mittelhalle hat Laure Prouvost eine Installation mit dem Titel „We would be floating away from the dirty past“ produziert, die skulpturale und filmische Elemente sowie eine vielschichtige Raumintervention umfasst. Einfallsreich und mit unnachahmlichem Humor bezieht sich Prouvost in dieser Arbeit sowohl auf die Architektur der Mittelhalle als auch auf das Haus der Kunst als Institution.

Betritt man die Mittelhalle, begegnet man zunächst einer Stahlfigur, die den Boden wischt. Auf dem virtuellen Gesicht der Figur erscheinen Schriftzüge: „We heard you coming“ [Wir haben dich kommen gehört], gleichzeitig flackern Bilder von Blumen, Wellen und Wischmopps auf. Hinter der Figur lösen sich die roten Marmorfliesen vom Boden und steigen allmählich in die Höhe. Am anderen Ende des Raums trifft man auf weitere Figuren, die vor dem Eingang zu einer Höhle stehen sowie in deren Innerem. In der höhlenartigen Installation ragt eine großflächige Videoprojektion mit dem Titel „If It Was“ [Falls es wäre] auf. In diesem dunklen Raum unter den Marmorfliesen erwartet den Besucher eine Szenerie, voll von Erinnerungen und Relikten der Vergangenheit. Auch die Geister früherer Projekte und Ausstellungen erscheinen hier, etwa die erste Arbeit aus der Serie DER ÖFFENTLICHKEIT von Haegue Yang, oder Möbel aus einer Modenschau in den späten 1950er-Jahren. In diesem Wirbel von Bildern, die aus den Schichten der Zeit aufsteigen, schweben rosa Brüste und Pos. Auf der staubig aussehenden Oberfläche des Teppichs sind Texte zu lesen wie „so much happened here before you came“ [so viel ist hier passiert, bevor du kamst] oder „nothing is lost“ [nichts ist verloren]. Während also der Teppich vergangene Zeiten heraufbeschwört, reflektiert Prouvosts neues Video „If It Was“ das Haus der Kunst als Institution sowie seine mögliche Zukunft. Bild und Text sind dabei in ständigem Wechsel montiert, und eine Off-Stimme kommentiert dazu: „Wie sähe das Haus der Kunst wohl aus, wenn es mir gehörte? Wenn man das Dach abnehmen und Palmen aufstellen könnte?“

Zusammen fordern die verschiedenen Elemente von „We would be floating away from the dirty past“ den Betrachter auf, einen Blick unter die glänzende Oberfläche des Museums zu werfen − auf seine vergessene Vergangenheit und auf mögliche Wege in die Zukunft. Indem Prouvost die Unterseite des Ausstellungshauses entblößt, bietet sie dem Besucher einen Ort für fantasievolle Spekulationen.

Anri Sala

Anri Sala

Anri SalaFür die dritte Ausgabe von „DER ÖFFENTLICHKEIT – Von den Freunden Haus der Kunst“ hat Anri Sala (geb. 1974 in Tirana, Albanien) eine mehrkanalige Sound- und Videoinstallation vorgeschlagen. Mit diesem Projekt vertieft er seine Erkundungen der Wechselwirkung zwischen Architektur und Sound:

„The Present Moment“

Die Mittelhalle im Haus der Kunst, wo die Installation gezeigt werden wird, ist etwa 800 Quadratmeter groß. Boden und Türrahmen bestehen aus rotem Marmor, die Decke ist fast zwölf Meter hoch. In produktivem Kontrast hat Sala für diesen gewaltigen Raum ein intimes Format gewählt: Ausgangspunkt der Installation ist das spätromantische kammermusikalische Werk „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg in seiner ursprünglichen Fassung für Streichsextett (Op. 4, komponiert 1899).

„The Present Moment“ entfaltet sich, sobald der Besucher durch eine der Türen die Mittelhalle betritt. Am Anfang des Raumes hört man die Aufnahme eines Kammermusikensembles, das Schönbergs Originalpartitur spielt. Diese Aufnahme ist um zusätzliche Spuren ergänzt, die auf Modifikationen der Partitur beruhen. Die Töne von „Verklärte Nacht“ wandern auf ihren eigenen Wegen durch die gesamte Halle. Wenn sie am Ende angekommen sind, ballen sie sich dort in andauernder Wiederholung zusammen, als seien sie „in einer Sackgasse gefangen“.

Am Ende der Installation wird hinter der Pfeilerreihe ein Film projiziert. Er zeigt sechs Streicher, die in einem Halbkreis musizieren. Die Kamera dringt nicht in ihre Sphäre ein, sondern streift sie nur sachte. Der Soundtrack des Films versammelt alle D-Noten von „Verklärte Nacht“. Jeder Musiker wiederholt ein D, bis es durch das nächste D der Originalpartitur ersetzt wird. Der Film wird von Nahaufnahmen von Ellbogen, Unterarmen und Handgelenken beherrscht und betont die körperliche Anstrengung der Musiker.

Anri Sala konzeptualisiert diese „Fließbandproduktion von Noten“ mit Blick auf industrielle Modelle des frühen 20. Jahrhunderts: „Es dreht sich um ein Kammermusikstück, das durch den Raum schreitet und dabei Töne erzeugt und Handlungen anstößt, die sich historisch erst später ereignet haben, wie Arbeitsteilung und die Choreografie von Körperbewegungen, die sich daraus ergibt.“

Mit „The Present Moment“ intensiviert Anri Sala seine Erkundungen zur Interaktion von Ton und Raum, die zuletzt bei seinem Beitrag im französischen Pavillon der 55. Biennale von Venedig 2013 Thema waren. Unter größtmöglichem Verzicht auf Materialität geht der Künstler einer elementaren Frage nach: der Idee des „gegenwärtigen Augenblicks“ in einer flüchtigen, vergänglichen Kunstform.

Wenn man der Choreografie der Installation folgt, erlebt man die Arbeit von verschiedenen Standpunkten aus. Was bedeutet es, sich das „Jetzt“ in Musik vorzustellen? Kann ein Klangerlebnis das „Hier und Jetzt spürbar machen?“

Manfred Pernice

Manfred Pernice

Manfred PerniceDer Künstler der Auftragsarbeit für das Jahr 2013 ist Manfred Pernice (geb. 1963); er lebt und arbeitet in Berlin. Pernice hat in den vergangenen Jahren u.a. auf der Biennale in Lyon (1997), der documenta 11 in Kassel (2002) und auf der Biennale in Venedig (2003) ausgestellt.

„Tutti IV“

Für die zentrale Mittelhalle entwickelt Manfred Pernice eine ortsspezifische, begehbare Installation aus verschiedenen, zum Teil „recycelten“ Einzelarbeiten. Recycling, die Wiederverwertung von Materialien, ist untrennbar mit dem Schaffensprozess Manfred Pernices verbunden. Dabei geht es Pernice nicht nur um die Verwendung vorgefundener Stoffe und Gegenstände unterschiedlicher Herkunft. Bemerkenswerter ist, dass er seine eigenen, älteren Werke als Versatzstücke für neu konzipierte Arbeiten nutzt oder in veränderten Bedeutungszusammenhängen neu inszeniert. Die von Pernice geplante  Intervention für die zentrale Mittelhalle bezieht sich unmittelbar auf deren Architektur und besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: In der Mitte des Raums platziert Pernice die architektonische Skulptur „Tutti“ aus dem Jahr 2010. Eine Wendeltreppe führt auf das Dach der Skulptur. Von dort aus erreicht der Besucher über eine zweite Treppe eine Brücke, welche die Mittelhalle überspannt und dem Betrachter immer neue Perspektiven auf den Raum bietet. Für die Brücke wird der Künstler eine Bespielung entwickeln, die sich als Ergebnis des Arbeitsprozesses erst vor Ort ergeben wird. Auch diese Form der spontanen Reaktion auf die räumlichen Gegebenheiten ist charakteristisch für Pernices skulpturalen Ansatz.

Haegue Yang

Haegue Yang

Haegue YangHaegue Yang ist die erste  Künstlerin, die beauftragt wurde, die Mittelhalle des Haus der Kunst zu bespielen. Sie wurde 1971 in Seoul, Korea geboren. Seit 1994 lebt sie in Deutschland und kennt daher die Herausforderungen an denjenigen, der in einem fremden Land lebt. Die Handlungen und Entscheidungen von Schriftstellern und Romanfigurenmit postkolonialer oder Einwandererbiografie bieten ihr die Möglichkeit zu Vergleich oder Identifikation und sind Anregung für ihr eigenes Werk, das ebenfalls von Migration und Verunsicherung handelt. Haegue Yang übersetzt diese Themen in eine räumliche Erfahrung und führt die Abstraktion in die Erzählung ein: Der Betrachter erkundet bei seinem Rundgang durch die Installation, wie sich Raum, Maße, Gewicht und Volumen zueinander verhalten, wo Kraft und Kontrolle manifest sind, wo sie schwächer werden und sogar verloren gehen, wo sie neu entstehen und im Wiederaufbau sind. Haegue Yang hat in bedeutenden internationalen Institutionen ausgestellt, darunter BAK/basis voor actuele kunst,Utrecht (2006), Portikus, Frankfurt (2008), Artsonje Center, Seoul (2010), New Museum, New York (2010), Kunsthaus Bregenz (2011) sowie Modern Art Oxford (2011). 2009 hat sie bei der 53. Biennale in Venedig Südkorea vertreten, und 2012 an der documenta 13 teilgenommen.

„Accommodating the Epic Dispersion – On Non-cathartic Volume of Dispersion“ 

Wie bei Haegue Yangs Beitrag für die dOCUMENTA 13 besteht auch die Installation „Accommodating the Epic Dispersion – On Non-cathartic Volume of Dispersion“ aus Jalousien, die von der Decke herabhängen. Sie bilden drei unabhängige, aber miteinander verbundene Teile: eine massive turmähnliche Struktur, die streitlustig gleich am Eingang platziert ist; eine dünne Wand aus luftigen Rastern; und ein voluminöses Rechteck, das zum Boden hin immer fragmentarischer wird. Je nach Blickwinkel überlappen sich die Jalousien in unterschiedlich vielen Lagen, und je nach Standort ändert sich das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Mal scheint die Installation vollkommen undurchsichtig, dann wiederum völlig lichtdurchlässig.

Der Titel der Installation, der selbst viel Raum einnimmt, bildet die Entsprechung zu den vielen Schichten an Jalousien, die den freien Blick in den Raum mitunter verstellen. Gleichzeitig klingt in diesem Titel an, dass die Inspirationsquellen von Haegue Yang mit der literarischen Verarbeitung von Migration und Diaspora zu tun haben.